Zeiten des Umbruchs – Kommentar zur Lage Mitte September 2015

Die Nachrichten sind eindeutig: Wir stehen in Europa vor gewaltigen Herausforderungen. Krieg und Elend vor unserer Haustür erreicht uns in Form von Hunderttausenden, die für sich keine Zukunft mehr in ihrer Heimat sehen. Es wird sich zeigen, was für eine „Wertegemeinschaft“ Europa ist. Derzeit gibt es Gründe, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Nach vielen Kundengesprächen in den vergangenen Wochen habe ich eine Einordnung versucht. Die Unruhe an den Finanzmärkten sollten unsere geringste Sorge sein.

Die Not der Millionen vertriebenen und ausgebombten Menschen im Vorderen Orient und Teilen Afrikas ist seit Jahren aller Welt bekannt. Viele haben Zuflucht gefunden in den angrenzenden Ländern. Je länger der Krieg des syrischen Assad-Regimes gegen die eigene Bevölkerung, die Terrorherrschaften von IS, Al-Shabaab und Boko Haram, der Zerfall der Staaten und Gesellschaften andauern, umso klarer wird, dass es für viele Geflohene keine Zukunft dort gibt, wo sie jetzt sind. Nun machen sie sich auf zu Tausenden, um irgendwie und irgendwo in Europa eine Chance für einen Neuanfang zu finden.

Dabei riskieren sie Leib und Leben. Seit 2008 sind dabei mindestens 25.000 im Mittelmeer ertrunken, möglicherweise erheblich mehr. Bedurfte es erst wieder eines Bildes wie das vom toten 3-Jährigen Aylan Kurdi aus Kobane, das uns die bittere Realität vor Augen führt? Oder die Bilder von hilflosen gestrandeten Heimatlosen mitten in Europa?

Wir befinden uns am Beginn einer neuen Epoche im alten Europa. Die Wirtschaftsmächte der so genannten „westlichen Demokratien“ haben jahrzehntelang auf Kosten des armen Südens gelebt. Die Ressourcen wurden und werden mithilfe von Herrschercliquen ausgebeutet, die Menschen verarmen und haben keine Perspektive auf Entwicklung. Die Bundesrepublik war schon zu Zeiten Saddam Husseins und Hosni Mubaraks Waffenlieferant und verlässlicher Partner vieler Diktatoren.

Wundern wir uns ernsthaft, dass wir nun hunderttausendfach ungebetenen Besuch bekommen? Erstaunlich ist eher, dass dies erst jetzt geschieht. Er trifft uns unvorbereitet, wenn all dies in großer Zahl innerhalb weniger Monate passiert.

Es ist der Zynismus des wohlhabenden Nordens, zu dem wir alle in Deutschland gehören, wenn von „Asylbetrügern“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ geredet wird. Es kann anscheinend nicht oft genug gesagt werden: Niemand verlässt ohne existenzielle Not sein zu Hause, seine Familie und seine vertraute Umgebung! Das war vor 70 Jahren auch in Deutschland so, als 12 Millionen bei uns eine neue Bleibe suchen mussten – und gefunden haben. (Übrigens wurde die westliche Führungsmacht USA im 19. Jahrhundert erst groß durch den „unkontrollierten Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen“ aus Europa.)

Leute, die den Untergang des Abendlands beschwören, Hassprediger, Brandstifter und andere Menschenfeinde beherrschen zu oft die Schlagzeilen und die Blogs in den so genannten „Sozialen Medien“. Die Wirklichkeit sieht hierzulande erfreulicherweise anders aus. Die Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen und ein bisschen Wohlstand zu teilen, ist groß. Das macht Mut und soll uns alle ermutigen.In diesen Zeiten des Umbruchs treten die Stärken und Schwächen Europas zu Tage. Gegen die Herausforderungen durch Hunderttausende Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, erscheint die „Griechenland-Krise“ beinahe als eine Kleinigkeit. Die europäische Union kann auseinander fliegen. Die Gefahr besteht leider. Aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir uns auf diesem alten und bunten Kontinent als echte Solidar- und Wertgemeinschaft neu zusammen finden.

Wenn in kurzer Zeit mehrere Hunderttausend entwurzelte und oft traumatisierte Menschen bei uns in Deutschland Schutz suchen, ist das auch für ein reiches Land keine Kleinigkeit. Spontane Hilfsbereitschaft und improvisierte Notversorgung reichen nicht. Es wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen, ob unser Land bereit und in der Lage ist, Platz zu machen, Platz zu schaffen für „Fremde“, damit wir alle die gegenseitige Fremdheit überwinden.

Europa konnte nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ruckzuck 2 Billionen Euro mobilisieren, um den Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Notfallpläne wegen der Griechenlandkrise konnten (wenn auch mit Mühe) in Kraft gesetzt werden. In diesen Tagen erleben wir leider, wie brüchig die viel beschworene Wertegemeinschaft ist, wenn es um die Aufnahme von Menschen in Not geht.

Mitmenschlichkeit und Solidarität beweist sich in schwierigen Situationen. Mit eine starken vernetzten Zivilgesellschaft und einer ehrlichen Politik, die die Herausforderungen anpackt, schaffen wir das.

Bestimmte Branchen haben seit einigen Monaten und vermutlich für länger Probleme. Dazu gehören die Automobilindustrie, aber auch Finanzwerte (Banken, Versicherungen), Unternehmen im Rohstoffsektor und „fossile“ Energieversorger. Das hängt zusammen mit dem absehbaren Ende des Booms in China und den davon abhängigen Märkten anderer Schwellenländer (Vietnam, Thailand, Indonesien und andere). Die politisch künstlich niedrig gehaltenen Zinsen verzerren die Märkte. Die niedrigen Rohstoffpreise kommen Volkswirtschaften wie der deutschen zu Gute. Auf der anderen Seite bedeutet das für Staaten wie Venezuela und auch Russland einen rasanten Absturz.Noch ein paar Worte für Sie als Anleger*in: Wenn seit April die Börsenkurse hin und her schwanken und für einige Zeit ins Minus drehen, sollte das im Augenblick unsere geringste Sorge sein. Die Wirtschaft in den „entwickelten Ländern“ ist insgesamt vergleichsweise robust und kann unsichere Zeiten aushalten.

Unser globales auf Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem steht auf tönernen Füßen. Das weiß man eigentlich, schon lange. Es gibt aber zum Glück immer mehr andere, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wirtschaftsformen und Unternehmen.

Bestimmte Trends kommen langsam, aber sichtbar aus der Nische: zum Beispiel der sorgsame und sparsame Umgang mit Rohstoffen, die Vermeidung von Umweltschäden, effizienter Energieeinsatz und nicht zuletzt fairer Umgang mit Mitarbeitern und Handelspartnern. Daraus entsteht eine Wertschöpfung, die nicht zum Ziel hat, andere übers Ohr zu hauen und möglichst viel Extraprofit herauszuschlagen. So gesehen, sind wirklich nachhaltige Geldanlagen werthaltig im doppelten Sinn.

Das schließt aber nun einmal nicht aus, dass durch Turbulenzen an den Märkten, besonders an den Börsen auch ethisch verträglichere Wert-Papiere (!) mit ins Trudeln kommen können. Die Erfahrung der letzten ca. 15 Jahre zeigt jedoch, dass nachhaltige Geldanlagen überwiegend besser aus Krisen herauskommen als diejenigen, für die Moral und Umwelt keine Bedeutung haben.

Also: Wenn Panik an den Börsen herrscht, lassen Sie sich nicht gleich anstecken. Im Zweifelsfall lassen Sie uns in Ruhe Ihre Anlagen durchsprechen.

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Kommentare

  1. Toller Artikel, lieber Ingo! Viele liebe Grüße von Juliane 🙂