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Börsen-Crash 2008:

Die Krise als Chance

„Das Casino schließen“, fordert nicht nur attac, das inter-nationale Netzwerk von Globalisierungskritikern. Rettungspakete werden gepackt und geschnürt, um den Absturz der Weltwirtschaft zu bremsen oder wenigstens zu begrenzen. Wird das nützen? Und wenn ja, wem?

Der Schwindel fliegt auf

Mit faulen Krediten auf dem US-Häusermarkt fing es an. Der Zusammenbruch von Hypothekenbanken folgte. Fantasievoll verpackte Finanzprodukte entpuppten sich als Luftnummern, die nichts wert sind. Banken mussten und müssen milliardenschwere Wertberichtigungen vornehmen. Keiner traut mehr dem anderen in der Finanzwelt. Der Inter-Banken-Handel kommt fast zum Erliegen. Die Geldströme geraten ins Stocken. Dem Wirtschaftskreislauf fehlt das Treibmittel Geld. Die schon vorher schwächelnde Konjunktur wird auf Rezession hochgestuft. Der schrankenlose freie Kapitalmarkt implodiert.

Seit Juli 2007, und verstärkt seit Jahresbeginn rauschen die Kurse nach unten. Tägliche Kursschwankungen von oft mehr als 10% zeigen, dass inzwischen nur noch Panik und Chaos herrschen. Auch die prominentesten Experten zeigen sich überrascht.

Verkehrte Welt: Das Finanzkapital ruft nach dem Staat

Die härtesten Vertreter der freien Marktwirtschaft und des freien Kapitalverkehrs fordern plötzlich die Hilfe des Staates und internationales Krisenmanagement. Noch vor Kurzem verbat man sich Regulierungen und Eingriffe von außen. Jetzt, wo das Kartenhaus zusammengefallen ist, wird nach der Stütze gerufen. Das quasi-religiöse Mantra von den Selbstheilungskräften des Marktes ist verstummt. Auch die frömmsten Verfechter des globalen Kapitalismus glauben inzwischen selbst nicht mehr daran.

Vergleichsweise schnell, nämlich innerhalb weniger Wochen werden weltweit Finanzmittel in einer Größenordnung von inzwischen zweieinhalb Billionen Euro (2.500.000.000.000) bereit gestellt, um notleidenden Banken, Versicherungen und Autoherstellern unter die Arme zu greifen. Erstaunlich. Und beschämend. Für ein Entschuldungsprogramm für die ärmsten Länder der Welt, für die Bekämpfung von Armut, Krankheit und Hunger, für wirksame Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels fehlt ein solch entschlossenes Handeln. Einem maroden System zu helfen, das sich an der eigenen Gier verschluckt hat, gilt dagegen als Ehrensache. Man kann es kaum glauben.

Wer zahlt die Zeche?

Na, wer schon? Wir alle. Als Steuerzahler, als Konsumenten, als Bankkunden, als Sparer, als Arbeitende. Denn woher wird das Zaubergeld zur Rettung der Märkte herkommen. Von uns, in der einen oder anderen Form. Und wir bedienen weiterhin diejenigen, von denen sich der Staat das fehlende Geld leihen muss: von den Banken. Die Zinsen bezahlen wir notfalls mit weiteren Krediten. Und wann wird zurückgezahlt? Später, also von der nächsten und übernächsten Generation. Wenn sie es denn können – und wollen.

Die bislang größte Finanzmarktkrise stellt einige Grundannahmen über das Wirtschaftssystem der letzten Jahrzehnte in Frage. Das ist gut so. Denn nach dem Kollaps des Staatskollektivismus à la Sowjetunion hatte der Kapitalismus ja nicht gesiegt, es war nur übrig geblieben - nach dem Motto der sogenannten Realisten „There Is No Alternative” (TINA).

Wir werden den Scherbenhaufen zusammenkehren und gründlich aufräumen müssen. Dazu müssen wir uns vom TINA-Syndrom befreien. Utopien, Gegenentwürfe, neue Konzepte sind gefragt.

Das Neue wächst im Alten

Wir leben nicht in einem Paralleluniversum. Wir können uns auch keine andere Welt schnitzen. Die Kunst besteht darin, im Bestehenden das Neue zu entwickeln. Beispielhaft können wir das im Bereich der Energieerzeugung verfolgen. Nach den ersten Jahren harter Pionierarbeit setzte in den 1990er Jahren der Aufschwung zunächst bei der Windkraft ein, dann folgte die Solarbranche, später die Energiegewinnung aus Biomasse.  Anfangs belächelt, dann bekämpft, wachsen Erneuerbare Energien überdurchschnittlich. Zusammen mit Clean Technologies bilden sie den Kern der Zukunftsmärkte des 21. Jahrhunderts.

Die Energieversorgung des vergangenen Jahrhunderts wurde getragen von den fossilen Energieträgern Öl und Gas, die hauptsächlich verantwortlich sind für die globale Klimaerwärmung. Die Vorräte sind in absehbarer Zeit aufgebraucht. Die Atomenergie birgt nicht beherrschbare Risiken, und die dauerhafte Endlagerung des nuklearen Mülls ist nach wie vor ungelöst.

Die Herausforderungen des Klimawandels sind immens und es bedarf gewaltiger Anstrengungen, um das Leben auf diesem Globus auch für die nächsten Generationen lebenswert zu erhalten. Die Antworten sind längst gefunden: Umstieg auf Sonne, Wind, Erdwärme und Biomasse und sehr viel effizienterer Umgang mit Energie.

Warum sind „grüne“ Aktien auch abgestürzt?

Eigentlich sollten Wertpapiere, wie der Name sagt, den Wert eines Unternehmens oder einer Anleihe abbilden. Die Finanzmärkte der letzten acht bis neun Jahre haben sich jedoch von der realen Wirtschaft entfernt. Durch Globalisierung und Internethandel werden im Sekundentakt täglich fünf bis sechs Billionen US-Dollar um den Globus gejagt. Spekulationen in allen Spielvarianten haben die Bildung echter Preise an den Börsen untergraben. In den Jahren 2005 bis Anfang 2007 entdeckten viele Großanleger, dass im „grünen“ Zukunftsmarkt langfristig mehr Geld zu verdienen ist. Das blähte die Kurse teilweise über den Wert auf. Im Frühjahr 2007 zeichnete sich vage ab, dass die Weltkonjunktur sich abschwächen würde. In der Folge wurde viel frisches Geld z.B. aus den Solaraktien sehr schnell wieder abgezogen. Dies führte zu einer überdurchschnittlichen Abwertung. An der Börse ist man eben mit im bösen Spiel.

Grün ist MehrWert

Die meisten der Titel in den Nachhaltigkeits-, Öko- und Ethikfonds sind aktuell unterbewertet. Die Unternehmen haben weiterhin volle Auftragsbücher und gute oder sehr gute Erträge (z.B. Solarworld) - wenn auch reduziert durch die beginnende Rezession. Ganz anders der Markt der „Old Economy“. Wenn konventionelle Versicherungsgesellschaften wie AIG in den USA nur durch staatlichen Aufkauf überleben, wenn General Motors die Krankenkassenbeiträge nicht mehr bezahlen kann und die Allianz sich nicht mehr traut, Prognosen für die Zukunft abzugeben, dann werden deren Aktien auf lange Sicht nicht mehr die früheren Kursstände erreichen. Nachhaltigkeit wird sich früher oder später in jedem Fall doppelt auszahlen – für die Umwelt und die Anleger.

Licht am Ende des Tunnels?

Viele Fragen sind derzeit nicht zu beantworten. Wird der Markt grundlegend neu reguliert? Werden dubiose Finanzprodukte verboten? Oder wird nur mit Steuermitteln an den Symptomen herumgedoktert? Wer muss noch Federn lassen? Wird die Rezession schlimm oder nicht so schlimm? Wird diese schwere Krise wirklich als Chance zur Umkehr in Richtung nachhaltige Entwicklung genutzt? Wenn ja, sehen wir schon heute Licht am Ende des Tunnels. Wie lang dieser Tunnel ist, wissen wir allerdings nicht.

Nachhaltig leben und nachhaltig investieren heißt auch:
Gute Nerven haben und beharrlich Kurs halten. Denn was wäre die Alternative?

Ingo Scheulen

Vorsitzender von ökofinanz-21 e.V.  

 

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